Oktober 24

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Warum deine Geschichten langweilig sind wie Bundestagsreden – und wie du das ändern kannst

Schriftsteller werden - Show, don't tellErinnere dich an deine Kindheit.

Denk an die Zeit in der vierten Klasse. Dort gab es immer diese eine Person, nennen wir sie mal Chris. Chris erzählte immer Geschichten, die einfach unglaublich waren.

Er war schon 14 Mal in Disney Land, sein Vater konnte 422 Klimmzüge und zum Geburtstag hatte er den neuen Gameboy bekommen – obwohl dieser noch gar nicht auf dem Markt war.

Wir alle kennen solche Menschen. Sie erzählen Geschichten, aber wir glauben Ihnen nicht.

Genauso ergeht es vielen Bloggern und Autoren. Sie erzählen Geschichten, aber ihre Leser glauben ihnen nicht.

Siehst du, wie ich es geschafft habe, dich in meinen Blogartikel hineinzuführen?

Immer wieder treffe ich Blogartikel, in denen verzweifelt versucht wird eine spannende Geschichte zu erzählen. Was dabei herauskommt? Keine Ahnung, ich habe nämlich nicht zu Ende gelesen 0_O

Fakt ist: Geschichten können ganz schön in die Hose gehen, oder sie sind der Knaller.

Doch wie schaffe ich es, dass mein Publikum in die Geschichte eintaucht? Wie entführe ich den Leser in eine andere Welt?

Wie du bessere Geschichten schreibst

Ich gebe dir hier ein paar Werkzeuge in die Hand, die dir helfen den Leser zu packen und ein Schriftsteller zu werden. Denn wer gelesen wird, ist ein Schriftsteller.

1) „Show, don’ tell“ – Das Geheimnis guter Geschichten

Die erste und wichtigste Regel beim erzählen: Laber nicht, zeig’s mir!

Englische Schriftsteller nennen diese Regel: Show, don’t tell. Das ist einer der typischen Schreibtipps für angehende Schriftsteller.

„Häh? Wie, nicht erzählen? Aber ich will doch gerade erzählen….“

Die Regel ist im englischen etwas missverständlich, deshalb habe ich sie in meine Worte gepackt: Laber nicht, zeig’s mir.

Das heißt, dass du nicht einfach etwas behaupten sollst, sondern es mir vor Augen führen, also beweisen, sollst.

Beispiel:

Ich bin wütend. (= „Tell“ bzw. bloße Behauptung)

Hastig greife ich zum Telefon. Ich wähle die Tasten nicht, ich schlage sie. Während ich darauf warte, dass jemand beim Kundendienst an den Hörer geht, marschiere ich aufgeregt im Zimmer auf und ab. In meinem Kopf sortiere ich schon die passenden Schimpfwörter für den armen Mitarbeiter, der mich gleich beschwichtigen muss. (= „Show“ bzw. Beweise)

Die Unterschiede?

In der ersten Variante behaupte ich einfach, dass ich wütend bin. In der zweiten zeige ich es. Die zweite Variante enthält Beweise für meine Wut:

  • Ich schlage die Tasten des Telefons
  • Ich gehe auf und ab
  • Ich lege mir Schimpfwörter zurecht

Siehst du den Unterschied?

Noch ein Beispiel:

Ich habe einen harten Arbeitstag. (= „Tell“ bzw. bloße Behauptung)

Ich trinke meine sechste Tasse Kaffee innerhalb von 3 Stunden. Meine Augen fallen zu. Beim Versuch mich auf die 40 Seiten lange Excel-Tabelle zu konzentrieren, verschwimmt alles vor meinen Augen und sie tränen wegen der zahlreichen Stunden vor dem Monitor. (= „Show“ bzw. Beweise)

Auch hier ist die zweite Variante viel lebendiger und glaubhafter. Ich führe nämlich wieder Beweise an und führe es dem Leser vor Augen. Beweise für den harten Arbeitstag:

  • Viel Kaffee
  • Augen fallen zu und tränen
  • 40 Seiten Excel-Tabelle

2) Geschichten sind Diamanten, keine Ziegelsteine

Viele Schriftsteller geben den Tipp: Beginne mit einer Geschichte. (Ich in meinem eBook für Blogger ja auch 😉

Doch viele Blogger und Autoren übertreiben es dann und bauen in jeden Beitrag und in jeden Text eine Geschichte ein – am Anfang, in der Mitte und am Ende am besten gleich zwei! Diese Geschichten-Inflation führt aber dazu, dass der Text unnötig lang wird.

Geschichten müssen den Leser aufrütteln, motivieren und inspirieren – und ihn nicht wie zähen Kaugummi durch den Text schleichen lassen.

3) So verwendest du „Show, don’t tell“ am Besten

Jede Regel hat eine Regel der Anwendung. Das heißt: Du musst wissen, wann du „Show, don’t tell“ verwenden musst.

Meiner Meinung nach solltest du „Show“ in Texten verwenden, die folgendes erreichen wollen:

  • Emotionen wecken und Gefühle erzeugen
  • Verständnis für deine Situation
  • Das Innenleben deines Helden zu zeigen
  • Emotionale Verbindung zum Leser aufbauen
  • Starkes Leseerlebnis, das den Leser nicht loslässt
  • Etwas verkaufen

„Tell“ solltest du nicht ganz weglassen. Da „Tell“ oft deutlich kürzer ist, eignet es sich vor allem

  • Wenn es schnell gehen soll
  • Wenn du knackige Infos an den Leser weitergeben willst
  • Für die Überschrift
  • Für Zwischenüberschriften und Aufzählungspunkte
  • Für ein Fazit und Zusammenfassungen

Alles hat seine Vorteile. Wichtig ist, dass man es nicht übertreibt. Weder mit dem einen, noch mit dem anderen. Dein heutiges Essen war nur lecker, weil es Salz hatte. Zu viel oder zu wenig Salz hätten das Essen schmecken lassen wie ein Schuhsohle.

Fazit

Wenn du deine Leser in eine andere Welt entführen möchtest, oder einfach nur möchtest, dass sie dir glauben „dass es im Raum verdammt heiß war“ – dann benutze „Show“. Zeige dem Leser Details und führe ihm Beweise vor Augen.

Wenn du schnell zur Sache kommen möchtest, dann verstricke dich nicht in Details und ziehe den Leser nicht unnötig an der Nase – benutze „Tell“ und stell kurze und knackige Behauptungen auf.

Wenn du das nächste Mal merkst: „Mein Text ist so spannend wie ein Telefonbuch“ – dann braucht dein Text auf jeden Fall mehr „Show“.

Hier habe ich noch ein paar Artikelbeispiele, wie man „Show, don’t tell“ beim Bloggen verwenden kann:

Artikelbeispiele für „Show“

# How to be unforgettable

# Zeit zum Schreiben finden

# How quitting my corporate job for my startup dream f**d up my life

Artikelbeispiel für „Tell“:

37 Tipps für mehr Traffic

# Fast alles andere, was du so im Internet findest

Nun zu dir

Was hältst du von „Show, don’t tell“? Verwendest du das Prinzip – vielleicht auch unbewusst? Könnten deine Artikel etwas mehr „Show“ vertragen?

Kommentiere jetzt!

Wenn dir der Text nur ein bisschen geholfen hat und du denkst, dass er auch anderen angehenden Schriftstellern helfen kann, dann teile ihn doch bitte mit jenen Personen. Ich werde dir mein Leben lang dafür dankbar sein.

Bleib großartig, schreib großartig!

Walter


  • Hey Walter,
    deine Tipps werde ich mir auf jeden Fall zu Herzen nehmen. Geschichten erzählt habe ich schon (vllt auch nicht ganz bewusst), aber so richtig klappt es wohl noch nicht… :/
    Muss mir noch aneignen, nicht alles von der Seele zu schreiben und sofort zu bloggen… Denn wenn ich mir dann Einiges paar Tage später anschaue, würde ich’s am liebsten löschen 😀

    • Klar. Die Versuchung ist natürlich groß einfach und schnell mit „Tell“ alles abzuhandeln und runterzurasseln.
      Ich füge „Show“ meistens beim zweiten Durchgang hinzu. Ich habe auch schon mittlerweile die Gewohnheit damit in Texte einzusteigen 😉

  • Hi Walter, das Prinzip kommt aus dem Schreiben für Film und Drehbuch – nichts öder als wenn ich Protagonisten erlebe, die sich gegenseitig Fakten und Infos geben nur aus dem Grund, dem Zuschauer den Hintergrund und die Vorgeschichte zu ERKLÄREN. Aber der will nix erklärt bekommen, der will in Spannung, Seligkeit, Gruseln oder Rührung wegschwimmen. Einen bildhaften Stil kann man in gewissem Umfang trainieren, aber nur wenn das Talent dafür bereits angelegt ist. Wer’s selbst nicht spürt, der wird es nie erjagen … bzw. dann geht’s „in die Hose“ – um beim Bild zu bleiben.
    Lieben Gruß, Jo

    • Auch bei Blogbeiträgen wollen Leser eintauchen. Sie wollen entführt werden aus ihrem Alltag und suchen Inspiration, Motivation und ein paar Schubser…
      Blogs sollten deshalb immer einen leichten emotionalen Touch haben – das ist ihr großer Vorteil gegenüber dem Journalismus und den Nachrichtenseiten, die objektiv und sachlich bleiben müssen.
      Bin auf deiner Seite.
      LG, Walter

  • Das Begriff „Show & Tell“ (S&T) war mir noch nicht geläufig.
    Die Technik schon.

    Ich sehe S&T etwas Kritischer.
    Das Problem stellt die Dossierung dar:

    Was mir bei vielen Blogartikeln auffällt ist, dass die „S & T“ Technik oft übertrieben verwendet wird. Scheinbar um einen unterhaltsamen Spannungsbogen, um den fehlenden Inhalt zu schlagen.
    Nicht bei deinem Blog 😉
    Aber mir sind viele Blogartikel aufgefallen, die von der Struktur so aufgebaut sind:

    – „Provokantes Thema“ (Überschrift)
    – Emotionaler Problembeschreibung (viel viel S&T)
    – klitze kleiner Tipp / bzw. kleines Pro und Contra
    – Umfangreiches Fazit

    Beim Überfliegen von Artikeln breche ich oft ab, wenn ich merke dass zu viel „Emotion“ über fehlenden Inhalt hinwegtäuschen soll.

    Ich werde trotzdem mal versuchen die Technik in denn einen oder anderen Blogartikel einfließen zu lassen.

    Beste Grüße und weiter so, Deine Artikel finde ich sehr hilfreich (und unterhaltsam)

    • Du hast Recht: Die richtige Dosierung macht’s (wie so bei allem im Leben). Deshalb sollten Geschichten und „Show“ wie Salz sein – nicht zu viel, aber auf keinen Fall fehlen.
      Danke für dein Lob. Werde es „weiter so“ machen 😀
      LG, Walter

  • Hallo Walter

    Herrliche Beispiele, ich musste wirklich lachen beim Satz „ich wähle nicht, ich schlage sie.“

    Ist aber ein hervorragender Tipp. Macht sich doch in einem Reiseblog sehr gut um die Situation am frühen Morgen zu beschreiben oder einen herrlichen Sonnenuntergang.

    Mach weiter so, ich lese deinen Blog richtig gern. Fetter Daumen hoch.

    Gruss

    Remo

  • Kann es sein, dass sich manche Blogthemen auch grundsätzlich eher dafür eignen, mehr Show reinzubringen? Wenn es mehr um technische Details oder Umsetzungen für die richtige Webseitengestaltung geht, sind wahrscheinlich konkrete Tell-Tipps effektiver.
    Bei meinem Pubertätsblog kann ich natürlich aus eigener Erfahrung berichten, in welchen Situationen ich (oder andere Eltern) mal wieder die Wand hochgehen möchte.
    Wichtig ist wohl wirklich die Dosis. Nicht nur aus dem Nähkästchen plaudern, sondern auch Vorschläge, was zu tun ist.
    LG
    Sybille

  • Hallo Walter,

    toller Artikel, der mir sehr anschaulich vor Augen führt, warum ich zwei thematisch unterschiedliche Blogs betreibe. Mein sogenannter „Zweitblog“ ist mir persönlich genauso wichtig wie mein „Hauptblog“ – auch wenn er weniger Besucher zählt und ich dort nicht so häufig schreibe.

    Aber JETZT weiß ich es! 🙂 Und ich bin froh, diese Trennung gewählt und bis heute beibehalten zu haben: Auf dem einem „telle“ ich vorzugsweise, in dem anderen „showe“ ich. Das war mir bisher gar nicht so bewusst und ich hatte sie profan in „sachlich“ und „persönlich“ unterschieden.

    Gruß Sylvi

  • Hallo Walter,

    auch ein riesen dank für diesen Blog Post.
    Gerade das Verbildlichen von Show/Tell war für mich ein wichtiger Punkt.

    Ich glaube meine Texte bestehen bisher nur aus Tell. D.h. jetzt weiß ich wie ich meine kommenden „fertigen“ Blog Post noch verbessern kann.

    Danke an der Stelle auch für deinen kompletten Blog, bin grad dabei ihn komplett durch zu lesen (wird wohl ne weile dauern) und das ganze parallel auch in meine Schreib To-Dos aufzunehmen.

    Gruß
    Chris

  • LOL… immer wenn man „Tell“ verwendet, sollten einfach zwei Charaktere im Hintergrund Sex haben. Das ist dann die sogenannte „Game of Thrones“ Methode.

  • Mmmh, ich weiß nicht so ganz, wie „Show“ in einen Testblog passt, beispielsweise in meine Bewertung einer Tastatur. Grundsätzlich aber ein Interessanter Hinweis, den ich versuchen werde zu beherzigen, vielleicht finde ich ja in Zukunft einen guten Einstieg für einen meiner weiteren Blogartikel. Versuch macht kluch und ich kann dadurch ja kaum langweiliger werden. 😉

  • Lieber Walter,

    Deine Mails kommen immer zur richtige Zeit, ich finde Deine Tipps unschlagbar wertvoll! Ich lese Deine Artikel so gerne, schade, dass ich Deine Seite erst vor kurzem gefunden habe! Freue mich auf mehr davon!

    Herzliche Grüße
    Sandra

  • So sehr mir Deine Beiträge auch gefallen, so sehr nervt mich die reißerische Art Deiner Titel und Einführungen. Ich weiß schon, Du folgst damit nur Deinen eigenen Regeln für mehr Traffic et cetera – mich persönlich stößt diese Art der Suggestion aber ab. Was schade ist, da ich viele Deiner Tipps wirklich hervorragend finde.
    Zum eigentlichen Topic: „Don’t tell, show“ ist nun wirklich ein uralter Hut. Schön fand ich, dass Du zumindest abwägst, wann welche Technik anzuwenden ist. Generell ist dieser Tipp schon richtig, noch genereller, wenn man versteht was ich meine, aber nicht: Ein Thomas Mann hätte über diesen Vorschlag nur gelacht …

    • Hi Simon,
      Ja mein Stil gefällt nicht allen. Ich hoffe, dass du das mitmimmst, was dir hilft und auf die Dinge, die dir nicht gefallen, ein Auge zudrücken kannst 😉
      LG, Walter

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